Immer wenn ich zuviel Zeit habe, dann finde ich, bzw. finden mich solche schlechtes-Gewissen-machenden Artikel wie dieser hier. Gestern erst hab ich einen Artikel in der nido über die alltägliche Kinderarbeit bei der Haselnussernte in der Türkei gelesen, der mir den Appetit auf Nutella verdorben hat (und dabei habe ich gerade so ein Riesenglas im Küchenschrank zu stehen) und heute dann hat mich dieser fiese Selbstversuchsartikel von Annabel Wahba erreicht, der vor allem im Bereich Windeln an mein Gewissen appelliert. Bei mir sind es schätzungsweise 10.000 von diesen 300 Jahre zur Verrottung brauchenden Wegwerfwindeln, bevor meine Kinder sauber sind, und ich kaufe auch manchmal Babykleidung made in Bangladesh. Meine Kinder essen am liebsten Bananen in ihrem Müsli (die sicher nicht mit der Bahn in den Supermarkt kommen) und ich lasse neuerdings manchmal den Geschirrspüler laufen, obwohl er nicht ganz voll ist.
Das einzige, was ich mir auf die Haben-Seite schreiben kann, ist die Tatsache, dass ich alle meine Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad mache und schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr geflogen bin. Das mit dem Auto ist aber keine ethische Entscheidung, sondern eine finanzielle und das mit dem Fliegen kommt wohl auch daher. Ob das als Ausrede taugt, mich nicht ethisch korrekt zu verhalten? Denn ein ethisch reines Gewissen muss man sich heutzutage vor allem leisten können. Der Artikel von Annabel hat mich vor allem an die aktuelle Coverstory der ZEIT erinnert mit dem Titel "Ich Arbeiterkind" (leider grad nicht online, kommt sicher noch). Der Autor erwähnt dort nämlich genau diese Art von Modejournalismus: Journalisten, in der Bildungselite aufgewachsen und in ihr ausgebildet, die über Experimente schreiben, wie es ist, ein Jahr nur ein Kleid zu tragen oder eben wie Annabel, ein Jahr lang ethisch korrekt zu leben. Und dann kann man hinterher berichten, was für eine schwere, aber auch dankbare Erfahrung man gemacht hat und mit seinem Artikel vor allem an das Gewissen der anderen appellieren, während man selbst dann im nächsten Jahr doch wieder am Wochenende nach Lissabon fliegt und die neuen Jimmy Choo Schuhe im Internet bestellt.
Mein Wochenende war ethisch sehr korrekt. Ich habe nichts gekauft, außer ein bisschen Milch und Eier aus der Umgebung, allerdings weiß ich nicht, ob die Hühner glücklich waren. Ich bin weder mit dem Auto gefahren, noch bin ich in den Flieger gestiegen. Und gewickelt habe ich auch niemanden, weil ja niemand zum Wickeln da war. Mein Nutellaglas im Schrank drückt mir aber immernoch auf die Seele. Was mach ich jetzt damit?
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