Freitag, 23. November 2012

Ich lese nicht privat

Früher habe ich sehr gern gelesen. Ich habe Bücher regelrecht verschlungen und schon genau gewusst, was ich lesen werde, wenn ich mit dem jeweils aktuellen Buch fertig bin. Ich kannte genau meine Rechte als Leser, denn auch Pennac hatte ich im Abitur verschlungen (wie viele Autoren geben einem schon die offizielle Erlaubnis ein Buch nicht zu Ende zu lesen) und ich wollte immer mehr und mehr lesen. Und dann kam das Wort Pflichtlektüre in mein Leben. In einer Zeit in der dasnuf noch mindestens ein Buch pro Woche gelesen hat, hatte ich dem privaten Lesen längst abgeschworen. Natürlich habe ich gelesen, ich musste ja. Germanistik und Anglistik lassen sich ohne regelmäßige Lektüre schlecht studieren. Allerdings begann mit meinem Studium eine Zeit der Pflichtlektürelisten, die bis heute währt. Und während ich zwischendurch - als ich zu Hause saß mit meinen beiden Jungs (und die ganze Zeit Däumchen drehte, denn nichts anderes tun Hausfrauen ja) - das Gefühl hatte, den Listen entkommen zu sein und endlich mal wieder was lesen zu können, was auf keiner Liste steht, heißt es seit neuestem wieder: Ich lese nicht privat. 
Eigentlich wollte ich auf meiner Webseite ein gadget installieren, das meine aktuelle Lektüre präsentiert. Das will ich immernoch. So ein Teil ist aber nur sinnvoll, wenn man ab und zu auch ne neue aktuelle Lektüre hat und zwar am besten eine Will-Lektüre, keine Muss, denn seien wir mal ehrlich...im Zeitalter von facebook, blogger, e-mail und co. fällt dieses Muss immer schwerer, kommt aber deswegen nicht weniger selten vor. Gerade liegen hier mal wieder so viele Muss-Lektüren herum, dass mir die Augen zufallen, bevor ich ein nicht-durch-meine-Arbeit-bedingtes Buch auch nur anfassen kann.
Und so sind meine aktuellen Lektüren die Traumnovelle zum gefühlten 35. Mal, Pädagogik am Gymnasium, Psychologie für Dummies (das heißt nicht so, aber mir fällt der Titel grad nicht ein), Literaturgeschichten in condensed, mittel-condensed und not condensed-at-all-Versionen, die Hilberts und Meyers dieser Welt (halt stopp, das ist ja ein- und derselbe) und so weiter und so fort.
Gestern stand ich nachmittags im Buchladen. Eigentlich wollte ich ein Geschenk kaufen, aber mittlerweile sollte ich wissen, dass ich im Buchladen meistens nur mich selbst beschenke. Ich ging von Regal zu Regal und überall starrte es mich an: Das Muss. Im Baby-/Kinderbereich....Och, dieses Buch von Remo Largo, das muss man eigentlich gelesen haben. Vielleicht steht da was drin, warum mein Sohn so schlecht hört. Wieder weggelegt. Ecke Buchpreis 2012....da is bestimmt was für den Unterricht dabei, Ursula Krechel vielleicht? Weggelegt. Weiter zur Regionalecke....eine bayerische Grammatik würde mir sicher zu mehr Toleranz im Deutschunterricht verhelfen. Auch wieder zurückgestellt. Und dann stand da Paul Murray: Skippy stirbt. Cover stach mir ins Auge und Klappentext rief "Kauf mich, nimm mich mit, stell mich ins Regal. Wenn du mich nicht liest, dann nimm mich trotzdem mit, irgendwann liest du mich schon!" Zurückgelegt. Das geht nicht - das ist eine Übersetzung: Da war es wieder das Muss und es wollte nicht zulassen, dass es ein Buch auf meinen Nachttisch schafft, das nichts mit der Arbeit zu tun hat (wenn schon Englisch, dann auf Englisch). Vielleicht ist die Idee vom privaten Lesen auch einfach zu absurd bei meiner Fächerkombination. Gestern jedenfalls habe ich das Muss besiegt und Murray steht jetzt hier. Denn wie Patsch fühle auch ich mich inzwischen am wohlsten im literarischen Zwischenraum (der mir übrigens oft die Freiheit gibt, aus dem Will später einfach ein Muss zu machen).


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